Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte wird aus China erzählt (ARD-Weltspiegel). Vermutlich gibt es sie auch in anderen Ländern.
Liebe auf dem Bildschirm
Sie ist verliebt. Xinxin ist 27 Jahre alt und lebt in China. Ihr Name bedeutet „Wahrheit“ oder „Zuversicht“. Xinxin ist verliebt. In einen jungen Mann namens Jian. Er ist alterslos. Er ist ein Chatbot, erfunden und ausgemalt von Künstlicher Intelligenz. Jian bedeutet „stark“, „gesund“. So sieht er auch aus. Groß, schlank, strahlend – wie ein fremdes Wesen. Wenn Xinxin ihr Handy anmacht, ist Jian sofort auf dem Bildschirm. Er schaut sie an, lächelt, beantwortet Fragen, tröstet – je nachdem, wie Xinxin ihm begegnet. Dann machen sie einen Spaziergang oder gehen essen oder sitzen an einem Bach und träumen vor sich hin. Xinxin ist glücklich. Sie ist so glücklich, dass sie bald umziehen wird. In die Kleinstadt, in dem der Rechner steht, der Jian erfunden hat. Wenn sie dem Rechner nahe ist, meint Xinxin, ist sie Jian näher. Sie könnte sich auch einen Freund aus Fleisch und Blut vorstellen, sagt sie der Reporterin. Aber da sei Liebe oft so „kompliziert“. Hier fällt das Wort, auf das man förmlich wartet: kompliziert. Jian ist es nicht. Er ist jung, stark und macht keine Probleme. Er weiß, was Xinxin braucht: Zuwendung ohne Vorbehalt; Trost ohne Anspruch. Liebe soll nicht „kompliziert“ sein. So denkt man vermutlich nicht nur in China.
Sehnsucht und Bildschirmwelten
Wenn die Welt kompliziert wird, zieht man sich zurück auf einen Bildschirm. Warum nicht, denkt Xinxin. Sie ist zufrieden, wie es ist. Sie weiß, dass es Jian eigentlich nicht gibt. Aber was heißt schon „eigentlich“. Es gibt ihn ja auf ihrem Bildschirm. Da ist er fast alles, was sie braucht: Er hört zu, hat keine Ansprüche; er begegnet ihr immer freundlich und versucht, ihre Wünsche zu verstehen, sie sozusagen von ihren Augen abzulesen – hier stimmt der Ausdruck beinahe wörtlich. Schlimm ist nur, wenn der Rechner überlastet ist, was manchmal vorkommt. Dann wollen zu viele Menschen etwas. Sie arbeiten vielleicht oder wollen jemandem begegnen. Dann ist Jian weg. Und Xinxin schaut auch nachts alle zehn Minuten auf den Bildschirm, sagt sie, bis der Rechner wieder arbeitet und Jian erscheint. Da würde sie manchmal „verrückt“, sagt sie. Verrückt vor Sehnsucht.
Zwischen zwei Welten
Xinxin lebt in zwei Welten, könnte man sagen. Der Fleisch-und-Blut-Welt und der Bildschirmwelt. Niemals wird Jian zu ihr kommen. Vielleicht soll er das auch gar nicht. Es könnte ja kompliziert werden, das Leben. Besser so, mag sie denken. Liebe auf einen Klick. Liebe ohne Leiden, ohne Verantwortung. Vielleicht auch ohne Göttliches. Eine von Menschen erfundene Liebe. Sie beruhigt das Leben. Das ist viel. Und doch wenig. Liebe ist Liebe, wenn sie mich auch infrage stellt. Liebe ist nicht nur bequem. Sie will Antworten von mir. Auf Fragen des Lebens. Auch auf die Frage nach Gott.
Mit freundlichen Grüßen
Pfarrer Michael Becker
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