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Gott im Alltag – Pflichten und Nachdenklichkeit

Taube des Friedens zwischen Soldaten: Ein Symbol der Hoffnung, eine weiße Taube schwebt anmutig zwischen einer Gruppe von Soldaten in einer Wüstenlandschaft und vermittelt eine kraftvolle Botschaft des Friedens in Zeiten des Konflikts.
© Adobe Stock - pattozher KI generiert

Zum 100. Geburtstag des deutschen Schriftstellers Siegfried Lenz (17.3.)

Pflicht als Verantwortung, nicht als Selbstzweck

Ein großer Versöhner würde 100 Jahre alt (am 17.3.): der deutsche Schriftsteller Siegfried Lenz. Er wuchs in Masuren im heutigen Polen auf – und war zeit seines Lebens bestrebt, an der Aussöhnung von Deutschen und Polen mitzuarbeiten. Es begann mit Erzählungen, die ihn 1955 bekannt machten: „So zärtlich war Suleyken“; kurze Geschichten aus dem Masurenland. Lenz bekam erste Literaturpreise und wurde eine wichtige Stimme in der (west-)deutschen Kultur. Richtig berühmt wurde er nach 1968. Da erschien sein wohl bedeutendster Roman, schon zweimal verfilmt: „Deutschstunde“. Ein Werk über deutsche Vergangenheit im „Dritten Reich“.

Die zerstörerische Seite der Pflicht

In diesem Roman sitzt ein junger Mann im Jugendgefängnis. Dort muss er im Unterricht einen Aufsatz schreiben zum Thema: Die Freuden der Pflicht. Lange nach dem Krieg sitzt er da und denkt nach über die Freuden der Pflicht. Gibt es die? Wie sehen sie aus? Er kann lange Zeit nichts schreiben. Während der junge Mann vor dem weißen Papier sitzt, fällt ihm seine Kindheit ein und sein Vater, der immer nur zu gerne seine Pflichten erfüllt hatte. Sogar gnadenlos erfüllt hatte. Besonders im „Dritten Reich“. Da hatte der Vater als Polizist die Aufgabe, die sogenannten „entarteten“ Bilder eines Malers aus dem Dorf, meist harmlose Landschaftsaquarelle oder Wolkengebilde, zu vernichten. Diese Pflicht ist ihm eine Freude. Der Vater ist von einem besonderen Eifer. Er fragt nicht, was er selbst denkt; er handelt nur im Auftrag. Selbst wenn er Menschen dabei vernichten sollte.

Pflicht zur Versöhnung und Gnade

Pflicht ist kein Selbstzweck, erzählt Siegfried Lenz. Pflicht ist keine Entschuldigung und kein Ersatz für eigenes Nachdenken. Man kann auch Nein sagen zu einer Pflicht. Man muss es sogar, wenn eine angebliche Pflicht Menschen zerstört. Pflichten zu haben ist oft hilfreich. Sie können ein Geländer sein für das Bestehen des Alltags. Fragezeichen sind aber ebenso hilfreich. Zu jeder Pflicht gehören Fragen wie: Hilft sie uns, die Pflicht? Wem hilft sie? Oder schadet die Pflicht? Zerstört sie gar Menschen? Der junge Mann in der Deutschstunde kommt zu keinem Ergebnis. Er hat vor allem erfahren, wie sehr eine angebliche Pflicht vernichten kann. Siegfried Lenz weiß das auch. Im „Dritten Reich“ war er lange Soldat. Und nimmt von dort eine freudige Verpflichtung mit: Nie wieder. Es gibt keine Pflicht zum Krieg, aber eine Pflicht zur Versöhnung. Und zur Gnade, die höher ist als jede Pflicht. Im Namen der Menschlichkeit. Und im Namen Gottes. Lenz bleibt ein wichtiger Schriftsteller. Er stellte mehr Fragen, als er Antworten hatte. Seine Fragen und Überlegungen, auch zu Gott, helfen uns. Je nachdenklicher wir werden, desto eher finden wir zu einer eigenen Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

Pfarrer Michael Becker

Pfarrer im Rundfunk und Autor von Image, Andachten und Botschaft im Bergmoser & Höller Verlag.
Autor Pfarrer Becker

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